Die Rheinische Martinstradition

Zwischen Rhein, Maas und Eifelvorland wird jedes Jahr in allen Orten an Martin von Tours und seine vorbildhafte Mantelteilung erinnert. Vor 150 Jahren entstand aus alten Bräuchen eine neue Tradition, Sankt Martin zu feiern. Ein 'geordneter Martinsumzug' wurde 1867 erstmals in der ehemaligen Stadt Dülken (heute Stadtteil von Viersen) abgehalten. 1886 saß in Düsseldorf der erste Martin auf einem Pferd. Um 1920 waren Sankt Martins-Vereine im Verbreitungsgebiet flächendeckend vertreten. Etwa ab dieser Zeit wurden auch in immer weiteren Kreisen Martinsfeste nach rheinischem Vorbild gefeiert. Heute finden Martinsumzüge 'überall' in Deutschland und darüber hinaus statt.

Martin von Tours – Verehrung und Bräuche

Martinus, römischer Reitersoldat und späterer Bischof von Tours ist besonders wegen seiner vorbildhaften Mantelteilung mit einem armen Mann bekannt. Im Jahr 480 wurde der 11. November zum Gedenktag an den Heiligen Martin erklärt. Ab dem Mittelalter ist der Martinstag als wichtiges Datum im Kalender belegt. An diesem Tag wurden Steuern entrichtet und Pachten verlängert, zudem war er der letzte Tag vor dem vierzigtägigen Adventsfasten. Zu dieser Gelegenheit wurde ausgiebig gefeiert und es entstanden in der bäuerlichen Gesellschaft verschiedene Bräuche. Diese Bräuche erhielten sich über Jahrhunderte.

Zäsur im 19. Jahrhundert

Gegen Mitte des 19. Jahrhunderts waren Martinsbräuche zum Schabernack Heranwachsender geworden. Im preußisch-katholischen Rheinland unternahmen vor allem Lehrer und Geistliche Versuche, den Umtrieben Struktur und Sitte zu verleihen. Aus unkontrollierten Fackelläufen wurden von Erwachsenen angeführte Laternenumzüge, aus an Haustüren erheischten (~erbettelten) Nahrungsmitteln wurde eine Tüte mit Obst und Süßigkeiten für alle Kinder. Aus Gebäck zum Martinstag entstand der 'Weckmann', örtlich auch 'Buckmann' genannt. Lieder zum bäuerlichen Martinstag oder solche zu den alten Bräuchen wurden mit neuen, den Heiligen Martin verehrenden Texten versehen. Zu dieser Zeit taucht der dargestellte Sankt Martin auf, der hoch zu Ross – und damit in einer Position zu der man aufschauen muss – den Laternenumzügen voraus reitet. Das Teilen des Mantels als Akt der Nächstenliebe wurde in den Mittelpunkt gestellt. Die Organisation der so geordneten Umzüge übernahmen Sankt Martins-Vereine, -Komitees oder – an Schulen angesiedelt – auch Sankt Martins-Ausschüsse.

Ausbreitung und Entstehen der Tradition

Die neue Art das Martinsfest zu feiern, breitete sich in der Zeit zwischen etwa 1870 und 1920 im gesamten Gebiet zwischen Rhein, Maas und dem Eifelvorland aus. Nicht nur in Städten und Dörfern, sondern bis in kleinste Weiler hinein entstanden hunderte Sankt Martins-Vereine, die meist bis heute Bestand haben. Bemerkenswert ist die ebenfalls bis heute bestehende, völlige organisatorische Unabhängigkeit der Vereine untereinander. Dies ist umso wichtiger, als sich über nunmehr 150 Jahre vielhundertfach parallel zueinander eine überwiegend gleiche Tradition formte, die ausschließlich lokal und ohne wesentlichen Einfluss von außen tradiert wird.

Gemeinsame Inhalte

Allen Martinsfesten im Verbreitungsgebiet ist gemeinsam, dass die Kinder und Jugendlichen in einem Laternen- und Fackelumzug von einem reitenden Sankt Martin durch die mit bunten Lichtern geschmückten Straßen des Ortes geführt werden. Der Zug endet an einem großen, bis zu haushohen Feuer, an dem die Mantelszene mit Sankt Martin und einem 'Armen Mann' aufgeführt wird. Das im gespielten Bild dargestellte selbstlose Teilen des Mantels wird den Teilnehmenden des Umzugs als moralisches Vorbild nahe gebracht. Zum Abschluss der Veranstaltung verteilt der Martinsdarsteller mit Hilfe anderer Mitglieder des Veranstaltungsgremiums Süßigkeiten, Obst und in der Regel auch ein 'Weckmann' genanntes, figürlich gebackenes Hefeweißbrot, das an Martin als Bischof von Tours erinnern soll.

Alte und unterschiedliche Inhalte

Obwohl Verbreitung und Popularität der vor 150 Jahren entstandenen Martinstradition ihren Erfolg belegen, verschwanden die alten Bräuche nicht vollends. Dazu gehören das heute noch in Teilen des Verbreitungsgebiets erhalten gebliebene Heischen oder das Ausbacken von Fettgebäck ('Mutzen'). Mittlerweile gelten diese Reste wieder als Bestandteile des Martinstages und werden im Rahmen der Tradition ebenso gepflegt.

Heutiger Stellenwert

Über die geografisch flächendeckende Verbreitung hinaus gehört das Martinsfest im Verbreitungsgebiet durch alle Generationen und unter den Zugehörigen aller Religionen fest zur Kultur des Rheinlands. Die Sankt Martins-Vereine sind besonders in kleinen Orten tragende Säulen des kulturell-gesellschaftlichen Lebens.